3 Fragen an ...

01.06.2026

... die Autorin von «Selbstkenntnis»

Margot Christen 

Margot Christen arbeitete nach dem eidg. Handelsdiplom in nationalen und internationalen Unternehmen und bildete sich kontinuierlich weiter. Erfahrene, vielseitig engagierte Beraterin, Dozentin und Autorin in den Bereichen Selbstkenntnis, Leadership, Persönlichkeits-, Team- und Organisationsentwicklung. SVF-Prüfungsexpertin für Leadership (Zertifizierung und eidg. Berufsprüfung).

1 Was bedeutet Selbstkenntnis für Sie konkret und was wird dabei häufig missverstanden?

Selbstkenntnis ist für mich der Schlüssel zu wirksamer Führung. Durch die Auseinandersetzung mit meinen Ressourcen, Werten, Einstellungen und persönlichen Grenzen gewinne ich ein klares Selbstbild und mehr Selbstvertrauen. Selbstreflexion ermöglicht es mir, bewusste und stimmige Entscheidungen zu treffen sowie authentisch und glaubwürdig zu handeln.
Immer wieder erlebe ich Teilnehmende, die sich vor der Auseinandersetzung mit sich selbst fürchten, weil sie befürchten, vor allem auf ihre Schwächen oder Defizite zu stossen. Häufig wird Selbstkenntnis mit Selbstkritik verwechselt. Tatsächlich geht es jedoch darum, sich als ganze Person wahrzunehmen – mit Stärken und Entwicklungspotenzialen.

2 Noch nie war es so einfach, laufend Rückmeldungen zu erhalten. Wie beeinflusst die ständige Verfügbarkeit von Feedback, Likes und Bewertungen die Selbstkenntnis und den Blick auf die eigene Person? Welche Gefahren bestehen?

Rückmeldungen, Likes und Bewertungen in sozialen Medien sind meist sehr kurz, wenig differenziert und oft kaum begründet. Deshalb eignen sie sich nur bedingt als Grundlage für echte Selbstreflexion. Sie sagen häufig mehr über die Erwartungen, Vorlieben oder Stimmungen anderer Menschen aus als über die eigene Person.
Für die Selbstkenntnis können Rückmeldungen von aussen zwar wertvoll sein, weil sie uns blinde Flecken aufzeigen. Entscheidend ist jedoch, wie wir diese Rückmeldungen einordnen und reflektieren. Wer seinen Selbstwert vor allem von Likes oder Bewertungen abhängig macht, läuft Gefahr, sich zunehmend über die Anerkennung anderer zu definieren.
Selbstkenntnis entsteht nicht durch die Menge an Feedback, sondern durch die bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst. Sie wächst dort, wo wir Rückmeldungen prüfen, mit unseren eigenen Werten und Erfahrungen abgleichen und daraus lernen, ohne uns von jeder Bewertung verunsichern zu lassen.

3 Wir hören oft, man müsse sich selbst besser kennenlernen. Gibt es auch einen Punkt, an dem zu viel Selbstreflexion hinderlich werden kann?

Aus meiner Sicht geht es auch bei der Selbstreflexion um ein gesundes Mass. Ungesund wird Selbstreflexion dann, wenn sie zu übertriebener Selbstkritik auf der einen Seite oder zu Selbstüberschätzung auf der anderen Seite führt. Beides verzerrt den Blick auf die eigene Person. Ziel ist weder, sich kleiner zu machen als man ist, noch sich grösser zu sehen, sondern ein möglichst realistisches und wohlwollendes Selbstbild zu entwickeln.
Der entscheidende Punkt ist, dass Selbstreflexion kein Selbstzweck ist. Sie soll dazu dienen, Erkenntnisse zu gewinnen und daraus ins Handeln zu kommen. Wenn Menschen sich nur mit sich selbst beschäftigen, ohne Konsequenzen für ihr Denken oder Handeln zu ziehen, verliert Selbstreflexion ihren Nutzen. Gute Selbstreflexion schafft Orientierung und stärkt die Handlungsfähigkeit.