Crossmedial und medienneutral individuelle Bildungsmedien produzieren

Donnerstag, 13. Juni 2019

Interview mit Andreas Zapfl, Leiter Publishing Compendio über die Zukunft der Produktion von Bildungsmedien

Wie können Lehr- und Lerninhalte crossmedial publiziert werden, ohne in ein grosses IT- und Workflowprojekt zu starten? Diese Fragen haben sich nicht nur Schulbuchverlage schon seit vielen Jahren gestellt. Eine moderne Antwort darauf hat Compendio zusammen mit dem CMS-Anbieter Xpublisher gefunden. Andreas Zapfl, Leiter des Publishing-Teams von Compendio erläutert im folgenden Interview, wie dieses komplexe Projekt angegangen wurde und welche Lösung entstanden ist.

Dieses Interview erschien im Sondernewsletter zum Thema CrossMediaPublishing der Firma Heinold, Spiller & Partner GmbH. Andreas Zapfl wird am 21. CrossMediaForum vom 3. Juli 2019 in München das Thema vorstellen.

Andreas Zapfl

Was war das zentrale Motiv für Compendio, ein auf Bildungsinhalte angepasstes medienneutrales CMS zu entwickeln?

Andreas Zapfl: Es greift zu kurz, die Gründe auf ein zentrales Motiv herunterzubrechen. Es waren eher viele Facetten, die sich zu diesem Entscheid verdichteten: Aufwendige manuell unterstützte Produktionen stehen einer Nachfrage nach neuen digitalen Formaten gegenüber, einer grösseren Medienvielfalt in Lehrmitteln, neuen Geschäftsmodellen für uns als Verlag und nicht zuletzt stetem Wandel unterworfenen Lernprozessen.

Wir kommen aus einer klassischen Produktion mit etabliertem Digital-last-Weg. Auch wenn dieser bislang gut funktioniert, gehen wir davon aus, dass wir mittelfristig nicht mehr in der Lage sein werden, die sich verändernden Lernprozesse unserer Kunden sinnvoll und schnell genug zu unterstützen, ohne unsere Produktions- und Erstellungsprozesse radikal neu zu denken.
Um ein Thema herauszugreifen: Übungsmaterial muss immer personalisierter für eine bestimmte Lernsituation, einen individuellen Lernstand und unterschiedliche Lernorte erstellt und ausgeliefert werden können. Aktuell arbeiten wir mit Systemen und Daten, die nicht miteinander kommunizieren. Wir haben beispielsweise Übungen im Printmaterial und Übungen, die wir in digitalen Datenbanken ablegen. Möchte eine Schule für ihr Learning Management System Übungen aus einem Buch und zusätzliches Übungsmaterial digital, geht das nur mit manuellem Aufwand. Das müssen wir besser machen können.

Bildungsverlage hadern damit, dass ihre Inhalte wegen der grossen Wichtigkeit des Layouts nicht medienneutral strukturierbar sind. Wie löst ihr dieses Problem?

Eine zentrale und wichtige Frage. Wir entwickelten in den vergangenen beiden Jahren mit unserem Partner Xpublisher das «Xpublisher Learning Content Bundle» und sind aktuell so weit, dass wir mit diesem gemeinsamen Produkt Lehrmittelverlage ansprechen und das System einführen können. Von der crossmedialen Produktion im Lehrmittelbereich kann ich nicht von langjähriger Praxiserfahrung berichten. Der Wechsel von «Print first» zu «Content first» ist ein Paradigmenwechsel, das ist Fakt und sollte man nicht schönreden. Einzig für komplexe Printlayouts mit einem auf XML-Basis strukturierten System zu arbeiten ergibt jedoch keinen Sinn. Als Verlag sollten wir den Fokus darauf legen, welche neuen Produkte und Ausleitungen wir aus einer Quelle bedienen können. Eine wichtige interne Aufgabe ist es, diesen Veränderungsprozess gut zu begleiten und zu unterstützen. Das Layout steht dabei nicht mehr im Vordergrund. Trotzdem möchten wir als Konzept-Entwickler nach wie vor schöne und komplexe Printlayouts ermöglichen: Wir können also zu Indesign ausleiten und darin den letzten Feinschliff erledigen. Wie viel am Printlayout noch gearbeitet werden darf, muss jeder Verlag für sich entscheiden.

Was waren die grössten Herausforderungen bei der Umsetzung des Projekts?

Wir starteten mit der Idee, eine Publikationsumgebung zum einen für uns, zum andern für einen uns nahen Verlag zu entwickeln – und merkten schnell, dass wir grösser denken wollen. Die Idee war nun, möglichst viele Verlage aus dem Bildungsmedienbereich anzusprechen.

Dieses Umdenken und Verallgemeinern war sehr herausfordernd: Wir mussten uns aus der Struktur eines Lehrmittelverlags hin zu einem Team entwickeln, das in der Lage ist, technische Konzepte zu entwickeln, Geschäftsmodelle in Systemen abzubilden, zukünftige Bedürfnisse zu antizipieren und als kompetenter Partner für andere Verlage aufzutreten.

Wenn ein Verlag das CMS nutzen möchte – worauf muss er sich einstellen, welche Voraussetzungen muss er mitbringen?

Der erwähnte Paradigmenwechsel erfordert logischerweise die Bereitschaft, Publikations- und Distributionsprozesse neu zu denken und in eine sinnvolle crossmediale Zukunft zu führen. Das System an sich ist nur das Hilfsmittel – schön ist dabei, dass diese Umstellung auch schrittweise erfolgen kann. Bei all dem rückt in den Vordergrund, Gemeinsamkeiten zu suchen und Partnerschaften aufzubauen, anstatt individuelle, komplexe, träge Systeme zu entwickeln. Das heisst, es braucht die Bereitschaft, sich auf einen gemeinsamen Nenner einzulassen.

Das Leistungsversprechen lautet «Out of the Box». Was bedeutet das für einen Verlag, der das System nutzen möchte?

Konkret bedeutet das, dass ein Bildungsmedienverlag ohne eigenes mehrjähriges, ressourcenintensives Projekt ab dem Tag der Installation Inhalte erfassen und publizieren kann, weil bereits sehr vieles integral funktioniert. Natürlich begleitet ein kleineres Projekt da den Rollout, wo noch eine individuelle Konfiguration erarbeitet werden muss: Rollen, Rechte, Workflows, Layouts. Das ist unser gemeinsames technisches Versprechen mit Xpublisher. Da unser Ursprung der Bildungsmedienverlag ist, können wir unser Wissen im Bereich der Konfiguration, der Produkte wie der Geschäftsmodelle einbringen.

Dein Vortrag auf dem CrossMediaForum lautet «Crossmediales Publishing von Educational Content – Out of the Box. Stressfrei publizieren mit Xpublisher ab dem ersten Tag». Was wird die zentrale Botschaft sein?

Bildungsmedienverlage werden mittelfristig die Bedürfnisse der Lehrmittelkunden nur bedienen können, wenn sie crossmedial und medienneutral produzieren. Die Bedürfnisse zum Beispiel Richtung individuelle Lehrarrangements sind schon weit fortgeschritten. Ein weit entwickeltes System bietet die Möglichkeit, seine Ressourcen nicht in lange technische und finanzintensive Konzept- und Entwicklungsphasen zu investieren, sondern sich auf das Verlags-Kerngeschäft zu fokussieren. Es ist nicht das technische System, das die Differenz des Angebots der Bildungsmedienverlage ausmacht, sondern schnell umgesetzte Produktideen und neue Geschäftsmodelle. Dabei können wir Partner werden.